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von Bothmer: "In unserem Abwasser befinden sich gigantische Energiemengen"

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Geisingen (energate) - Das noch junge Unternehmen Uhrig Energie aus Geisingen (Baden-Württemberg) gewinnt Wärme aus dem Abwasser. Ein Konzept, das vor allem in städtischen Ballungsräumen gut funktionieren könnte, wie Stephan von Bothmer, Leiter Geschäftsentwicklung Energie aus Abwasser, im Interview mit energate erklärt.

energate: Herr von Bothmer, Energie aus Abwasser, wie funktioniert die Technik?

von Bothmer: Die Idee ist simpel: In unserem öffentlichen Kanalnetz, in unserem Abwasser, befinden sich gigantische Energiemengen, die bislang einfach ungenutzt verlorengehen. Diese Energiemengen kann man zurückgewinnen, im Kanal oder auch später auf der Kläranlage. Genau das machen wir, um so Gebäude zu heizen und zu kühlen. Abwasser ist selbst im Winter 10 bis 12 Grad warm und damit eine perfekte thermische Quelle für jede Wärmepumpe. Das ist Klimaschutz pur.

Das Nadelöhr bei der Projektierung ist die Genehmigung des Kanalnetzbetreibers, der den Einbau der Wärmetauscher erlauben muss. Da gibt es klare technische Anforderungen. Wir kennen diese Anforderungen bestens und können sie alle erfüllen. Denn wir sind zwar ein noch junges Start-up, kommen aber aus einer Unternehmensgruppe, die seit Jahrzehnten Kanalbauspezialist ist. Das ist unser USP. Bislang haben wir knapp 90 Projekte in ganz Europa realisiert. Die größte Anlage steht in Stuttgart, sie hat 2,1 MW thermische Leistung, gebaut 2018. Die kleinsten Anlagengrößen liegen bei etwa 20 kW. Wir adressieren also nicht den Einfamilienhausbereich, sondern alles, was größer ist.

energate: Wie kann Abwasserenergie zur Wärmewende beitragen?

von Bothmer: Abwasserwärme kann man in erster Linie in Städten und Ballungsgebieten nutzen. Denn wo Menschen sind, da ist auch Abwasser und ein Energiebedarf. Angebot und Nachfrage passen perfekt zusammen. Ob Versorgung einzelner Gebäude oder Einspeisung in ein kaltes oder warmes Netz. Alles ist möglich. An guten Standorten liegen die Wärme-Gestehungskosten der Energie aus Abwasser bei 7 bis 8 Cent/kWh. Das ist absolut wettbewerbsfähig, beim Kühlen sehen die Zahlen sogar noch besser aus. Abwasserwärme ist eine neue, starke Klimaschutzoption. Und Optionen sind immer etwas Gutes.

Es gibt mittlerweile zahlreiche Studien, die das Potenzial untersucht haben. Demnach könnte man etwa 5 bis 14 Prozent des Wärmebedarfs im Gebäudesektor in Deutschland mit Energie aus Abwasser decken. Ein erheblicher Beitrag also. Besonders im urbanen Raum fehlt es aus Platzmangel an guten und wirtschaftlichen Lösungen. Wenn man bedenkt, dass das Abwasserwärmenutzung unsichtbar unterirdisch stattfindet, dann wird es noch attraktiver.

energate: Was fehlt aus Ihrer Sicht, damit sich die Technologie stärker verbreitet?

von Bothmer: Es fehlen Bekanntheit und etwas mehr Mut. Manche Kanalnetzbetreiber verkaufen die Energie aus dem Kanal bereits selbst. Viele andere haben dagegen technische Vorbehalte und sind zögerlich. Dabei sind die technischen Fragen schnell beantwortet, es fehlen manchmal Kultur und Wille, etwas Neues auszuprobieren. Im Wesentlichen bedeutet die Umsetzung einer neuen Technologie, dass Menschen miteinander zu tun haben, die dies vorher nicht gehabt haben. Das ist immer herausfordernd, aber auch spannend. Ein Teil der Wärmewende liegt ungenutzt vor beziehungsweise unter uns. Diesen Schatz sollten wir unbedingt heben. Denn für die Wärmewende wird es viele verschiedene Bausteine brauchen.

Darüber hinaus fehlt ein fairer gesetzlicher Rahmen, der wirklichen Wettbewerb schafft. Hier muss die Politik dringend handeln. Es braucht definitiv einen CO2-Preis und eine Strompreisentlastung. Auch das Fernwärmemonopol trägt nicht gerade dazu bei, dass sich Dynamik und Handlungsdruck im Wärmemarkt entfalten. Dabei braucht es genau diesen Wettbewerbsdruck, damit endlich neue Geschäftsmodelle eingeführt werden können. Die Technologien sind jedenfalls da.


Quelle: energate immo