Wattislos Forum

Die Märchen um Strom aus Wasser und Luft. Oder: Lassen Sie sich nicht für dumm verkaufen.



Der GFE-Prozess Teil 2 in Nürnberg:
Halb-Milliarden-Pleite in Franken mit sogenannten Pflanzenöl-BHKW

Kennen Sie nicht noch jenes Märchen, in dem ein kleiner Mann einem König verspricht, er könne Stroh zu Gold spinnen?
In diesem Video
www.youtube.com/watch?v=G6wVw2PxtIQ
wird Strom für gerade mal 1 Cent pro Kilowattstunde hergestellt. Und der fließt auch noch aus einer selber gebastelten Batterie. Viele, die das gesehen haben, sind hellauf begeistert. Sie lassen sich hinterher gar nicht mehr einfangen und „kochen“ selbst das ab Minute 3:30 dargestellte Batterierezept nach. Denn immerhin hat ihnen da ein leibhaftiger Hochschul-Professor erklärt, wie sie die großen, bösen Stromkonzerne austricksen können.
Ja, Märchenhaft hört es sich an, wenn Pseudo-Energiemenschen wie jener Professor Claus Tukur von der Ostfalia-Hochschule Wolfenbüttel versprechen, aus (wechselweise) Raumquanten, Wasser, Magneten oder irgendwie anders Energie zu vermehren. Holm Gero Hümmler nennt Turturs Aktionen „Quantenquark und braune Sauce“.
https://quantenquark.com/blog/2017/03/07/die-energie-von-professur-turturs-vakuum/
Ein Grund: Der Professor ist eng verbandelt mit dem sehr rechtsgerichteten Kopp-Verlag.
Aber während Turturfans nur wenige Euro verbrennen, wenn sie sich an den Kochrezepten der sagenhaft günstigen Batterien versuchen, fallen anderswo schon mal viele Hundert Menschen auf ebenfalls an „Gold aus Stroh“ erinnernde Prospekte herein. Über 1400 beispielsweise haben der in Nürnberg und der Schweiz ansässigen GFE-Firmengruppe geglaubt: Ein so genanntes „Pflanzenöl-BHKW“ kaufen, an die GFE zurück verpachten und 20 Jahre lang jeweils 30 Prozent des Kaufbetrags als Gewinn kassieren, hatte GFE versprochen. GFE bedeutete übrigens "Gesellschaft zur Förderung Erneuerbarer Energien".
Doch daraus wurde nichts: Am 30. November 2010 durchsuchten Ermittler die Firmenzentrale in der Dieselstraße Nürnberg und viele weitere Räumlichkeiten. Kurze Zeit später wurde der Vertrieb gestoppt. 2011 ging die „GFE-Group“ pleite. Diese Insolvenz wies die höchste Schadenssumme in ganz Bayern im Jahr 2011 auf: Sage und schreibe 477.118.812,67 Euro stehen in der Statistik.
Acht Personen kamen zunächst in U-Haft, unter ihnen auch die beiden Köpfe und Gründer der „GFE-Group“. Dennoch ließ es sich der GFE-„Chefentwickler“, ein Kfz-Meister, nicht nehmen, in einem Laborcontainer in Heideck auch noch viele Monate lang Wasser-zu-Strom-Experimente durchzuführen. Von Erfolg ist nichts bekannt.
Am 27. Februar 2014 endete im geschichtsträchtigen Saal 600 des Nürnberger Justizpalastes nach sage und schreibe 94 Verhandlungstagen der erste Strafprozess: Elf Angeklagte bekamen Strafen zwischen drei und neun Jahren Haft aufgebrummt.
Begründet hatte das die 12. Strafkammer am Landgericht Nürnberg-Fürth damals vor allem mit gewerbs- und bandenmäßigem Betrug. Denn die Verurteilten hätten „weder den Willen noch die Fähigkeit gehabt“, die als hochwirksam versprochenen BHKW zu bauen und zu liefern. Dazu hatten sowohl TÜV Süd als auch Dekra beigetragen: Beide hatten die versprochene Leistungsfähigkeit der GFE-BHKW bestätigt. Und die Käufer haben gerne den hochangesehenen Gutachterkonzernen geglaubt.
Der zweite Nürnberger Prozess um die GFE-BHKW, die aus viel Wasser und wenig Pflanzenöl jede Menge Strom gewinnen sollten, startete vor ebenfalls der 12. Strafkammer ziemlich unspektakulär. Wenn man davon absieht, dass die elf Angeklagten und ihre gut zwei Dutzend Strafverteidiger im Sitzungssaal 627 ganz eng aufeinander saßen.
Zu Beginn des ersten Prozesses saßen zum Beispiel die Firmengründer Horst K. und (der später erkrankte) Karlheinz Z. auf der Anklagebank. Diesmal sind es vor allem in der Vertriebsstruktur weit oben angesiedelte Leute. Die kassierten hohe Provisionen von den über 1500 für 60,6 Mio. Euro verkauften „Potemkinschen Pflanzenöl-BHKW“. Laut der neuen 117-Seiten-Anklageschrift will die Staatsanwaltschaft STA den meisten gewerbs- und bandenmäßigen Betrug, anderen vorsätzlichen Bankrott und weitere Straftaten nachweisen.
Die BHKW würden niemals jene 30 Prozent Jahresrendite abwerfen, die GFE den Käufern versprochen hatte: Das sollen auch die jetzt Angeklagten gewusst haben. Einer ist Manfred D. Verteidigt wird D. von Wolfgang Stahl, der sich selbst „zu den bekanntesten Strafverteidigern in Deutschland“ zählt“, und von Wolfgang Heer. Beide waren z.B. im NSU-Prozess als Beate Tschäpes Pflichtverteidiger tätig.
Wie schon bei GFE I wird sich die 12. Strafkammer mit dem Vorsitzenden Richter Bernhard Germaschewski. zwei weiteren Berufs-, zwei Laienrichtern und einer Ersatzschöffin in den nächsten Monaten mit der Frage beschäftigen: Haben jene neun Männer und zwei Frauen, die nun angeklagt sind, Schuld auf sich geladen? Und wenn ja: welche? 28 Verhandlungstage sind dafür bereits jetzt eingeplant.
PS: Wer sich nicht mehr erinnern kann: Der kleine Mann im Stroh-zu-Gold-Märchen hieß Rumpelstilzchen.
HEINZ WRANESCHITZ


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