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Geht der Kohleausstieg zu schnell?


von Anna-Maria
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Die Kohlekommission empfiehlt der Bundesregierung bis 2038 alle Kohlekraftwerke zu schließen. Ist der Kohleausstieg damit überstürzt?

304 Millionen Tonnen, so viel CO2 hat Deutschland im vergangenen Jahr bei der Stromerzeugung ausgestoßen. 53 Prozent davon stammen aus Braunkohlekraftwerken. Sollte die Bundesregierung den Empfehlungen der Kommission folgen, würde Deutschland in den kommenden Jahren zwei bedeutende Energieträger verlieren. Der Ausstieg aus der Kernenergie bis 2022 ist beschlossene Sache - aktuell kommen noch rund 12 Prozent des Energiemixes aus Atomkraftwerken. Erheblich größer ist der Anteil des Stroms, der in Stein- und Braunkohlekraftwerken erzeugt wird: Sie liefern etwa 36 Prozent der in Deutschland benötigten Energie. Um diese Ausstiege steuern zu können müssen die erneuerbaren Energien sowie die Stromnetzte massiv ausgebaut werden. Bis 2030 sollen noch höchstens 17 GW am Markt sein, 2038 ist dann spätestens Schluss. Die Kosten aus Sicht der Kommission belaufen sich im Einzelnen auf 1,3 Milliarden Euro pro Jahr über 20 Jahre, dazu sollen den Ländern 0,7 Milliarden pro Jahr bereitgestellt werden, die nicht an Projekte gebunden sind. Hinzu kommen zur Verbesserung des Verkehrs ein Sonderfinanzierungsprogramm und ein Sofortprogramm bis 2021 im Umfang von 1,5 Milliarden Euro, die bereits im Bundeshaushalt bis 2021 eingeplant sind.

Wird der Strom jetzt teurer?

Die Frage ob die Strompreise nun teurer werden wird kontrovers beantwortet. So sagen die einen es ist nicht mit einer Erhöhung zu rechnen, während die anderen denken, dass teure Stromimporte die Folge des Kohleausstiegs sein könnten. Allerdings sollen Unternehmen und Privatleute bei steigenden Strompreisen bezuschusst werden, um diese so wieder auszugleichen. Der Industrieverband BDI, der Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und die Arbeitgeber-Bundesvereinigung (BDA) hatten in der vergangenen Woche einen Zuschuss von mindestens zwei Milliarden Euro jährlich zu den Netzentgelten gefordert, um bis zu 54 Milliarden Euro Preissteigerungen infolge des Kohleausstiegs auszugleichen.

Was passiert mit den Arbeitsplätzen in der Kohleindustrie?

Etwa 20.000 Arbeitsplätzen gibt es in der Braunkohleindustrie derzeit. Um den Verlust der Arbeitsplätze entgegen zu wirken sollen bis 2040 40 Milliarden Euro in Strukturhilfen investiert werden. So soll neben der Infrastruktur die Ansiedlung von Bundesbehörden und Forschung angeregt werden, um so in den nächsten Jahren 5.000 neue Jobs zu schaffen. Jüngere Arbeitnehmer sollen Aus- und Weiterbildungshilfen bekommen, sowie Unterstützung in Lohneinbußen. Ein Großteil der Beschäftigten ist bereits über 50 Jahre. Beschäftigte über 58 Jahre sollen ein Anpassungsgeld bekommen, sowie ein Ausgleich für die Einbußen in der Rente.

Droht ein Blackout?

Auch die Frage nach einem drohenden Blackout zeigt sehr unterschiedliche Reaktionen. Kritiker der erneuerbaren Energien verweisen immer wieder darauf, dass bei Dunkelheit und Windstille (“Dunkelflaute”) auf die insgesamt wachsende Produktion aus Solar- oder Windkraftwerken kein Verlass sei. Dazu kommt, dass der Leitungsbau von Nord nach Süd für den Windstrom nur langsam vorankommt. Es macht allerdings nur Sinn, wenn die erneuerbaren Energien, die wir überall in der Fläche erzeugen, auch tatsächlich sicher und zuverlässig dorthin geliefert werden können, wo sie gebraucht werden. Derzeit liegt der Anteil der Erneuerbaren an der Stromproduktion bei rund 36 Prozent. Doch dieser Anteil schwankt mit dem Wetter, klettert mal auf 90 Prozent oder sinkt auf zehn Prozent. Skeptiker fürchten deshalb, dass das europäische Stromnetz mit dem weiteren Ausbau des Ökostroms an Stabilität verlieren könnte, weil sich das schwankende Angebot dann immer stärker auf das Stromnetz auswirkt. Kohlekraftwerke erzeugen immer noch gut ein Drittel des Stroms in Deutschland. Der Stromnetzbetreiber Amprion, an dem auch der Kohlekonzern RWE beteiligt ist, warnt in seinem Papier für die Kommission vor einem vorschnellen Abschalten ohne ausreichende Reserven. Extremwetter etwa im Winter, wenn besonders viel Strom gebraucht wird, träten häufig über Deutschland hinaus auf. “Sichere Hilfe von den Nachbarn ist daher ebenfalls nicht realistisch.” Amprion schlägt daher vor, für solche Zeitpunkte Kohlekraftwerke in betriebsbereiter Reserve zu halten. Dies sei auch nötig, weil Gaskraftwerke, die die Lücke füllen könnten, unter den derzeitigen Marktbedingungen nicht gebaut werden. Ebenfalls anzumerken ist, dass verhältnismäßig junge Kohlekraftwerke wie das in Moorburg bei Hamburg oder im nordrhein-westfälischen Datteln abgeschaltet werden müssen, bevor sie ihre Investitionen wieder eingespielt haben.

Die Vertreter des Kohleausstiegs argumentieren, um die Gefahr eines sogenannten Blackouts zu vermeiden, soll die Sicherheit der Stromversorgung künftig noch enger geprüft werden. Zudem soll die Genehmigung von umweltfreundlicheren Gaskraftwerken beschleunigt und der Ausbau erneuerbarer Energien gesteigert werden. Desweiteren gibt es in Deutschland genug Gaskraftwerke, die derzeit nicht genutzt werden und die einspringen könnten. Diese können sehr flexibel hoch- und heruntergefahren werden und emittieren nur rund ein Drittel der schädlichen Treibhausgase. Auf der anderen Seite sagen Experten Deutschland verbraucht in der Regel 64 bis 78 Gigawatt. Die produzierte Strommenge liegt aber deutlich höher. Konventionelle Kraftwerke wie Atom und Kohle und erneuerbare Energien erreichen zusammen an wind- und sonnenreichen Tagen locker zwischen 80 und 90 Gigawatt. So werden fast 10 % des Kohlestroms ins Ausland exportiert, da die Höhe der Produktion nicht an die Leistung der erneuerbaren Energien angepasst wird. Wir stellen also enorme Überschüsse an Kohlestrom her, der ins Ausland exportiert werden muss und der nach einer Abschaltung niemandem fehlen würde. Experten halten das Abschalten der 20 dreckigsten Braunkohlekraftwerke daher für machbar.

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