Blog

Kälte-Speicher nutzen Etat und Energiewende


von MarcusH

Was hat ein Unternehmen der milchverarbeitenden Industrie mit der Energiewende zu tun? Eine ganze Menge, zeigt das aktuelle Forschungsprojekt „Blue Milk“ der Technischen Hochschule Ingolstadt (THI). Ziel ist, für die enormen Bedarfe etwa der Kühlung vor allem dann Erneuerbare Energien zu nutzen, wenn sie die Netze fluten. So wird das Kühlregal zur „Kälte-Batterie“.


fotolia-109067861-subscription-monthly-m.jpg

Unstete erneuerbare Energien
Mit dem steten Wachsen der Stromanteile aus Sonne, Wind und Biogas macht sich zunehmend deren Unstetigkeit bemerkbar. Wenn an der Küste und in den Mittelgebirgen guter Wind weht, sind vor allem in der Nacht nicht genügend Stromverbraucher am Netz, um diese Mengen Ökostrom abzunehmen. Dann werden Anlagen abgeregelt und fallen die Preise, machmal sogar so sehr, dass für den Verbrauch noch gezahlt wird. Umgekehrt bei sporadischen „Dunkelflauten“, wo fehlende Energie schnell und teuer beschafft werden muss.

Das schwankende Angebot könnten energieintensive Unternehmen, die auch noch flexible Stromtarife vereinbart haben,  gut abpuffern, meint THI-Projektleiter Prof. Uwe Holzhammer. Deutlich macht er seine Forschungsthese an einem gewöhnlichen Hochregal-Kühllager, in dem Milcherzeugnisse bei 5 Grad Celsius Zwischenstation machen. Gebe es etwa nachts oder mittags hohe Anteile von Wind- oder Solarenergie, die auch noch den Preis drückten, könne man damit quasi „auf Vorrat“ stärker kühlen - etwa auf drei Grad. Bei wenig Erneuerbaren im Netz und gleichzeitig höheren Preisen werde die Kühlleistung wiederum reduziert und der Kältespeicher aufgebraucht.

Das spart nicht nur Geld, weil die Betriebe Energie-Lastspitzen vermeiden und womöglich vorher vereinbarte Grenzen „reißen“. Es hilft auch, die Schwankungen im Netz auszugleichen und Erneuerbare Energien besser zu integrieren. „Die Milchwirtschaft kann so ein aktiver Teil der Energiewende werden“, sagte Holzhammer zum Projektstart. Dieser Meinung ist auch das bayerische Landwirtschaftsministerium, das die Forschung drei Jahre lang unterstützt. Mit dabei sind außerdem die Milchindustrie-Größen Zott und Andechser Molkerei Scheitz.


Eigenbedarfsstrom samt Energie

Wie solche Steuerungen bereits im kleinen Maßstab funktionieren, kann man übrigens in einem Oldenburger Supermarkt bestaunen. Dort hat „aktiv & irma“, geführt von der regionalen Händlerfamilie Frerichs, vor einem Jahr eine Kombination aus Photovoltaik, Batteriespeicher und intelligenter Kühlung in Betrieb genommen. In der modernen Kreyenbrücker Filiale ist die Solaranlage auf dem Dach für jährlich 95.000 Kilowattstunden Eigenbedarfsstrom gut und sammelt die Batterie all jene Energie ein, die an sonnigen Sonn- und Feiertagen sonst ins Netz gespeist würde.

Ein intelligentes Management regelt zudem die Danfoss-Kühlung ab, wenn der im Markt angesiedelte Bäcker seine Öfen anwirft. „Die Regale und Truhen können problemlos eine kleine Weile mit höherer Temperatur laufen“, versichert Danfoss. Umgekehrt werde man Vorrats-Überkühlung  nutzen können, sobald der Energieversorger flexible Stromtarife anbiete. „Wir versuchen halt, diesen Supermarkt so energieeffizient wie nur möglich zu gestalten“, sagt Markt-Geschäftsführer Günter Walter. „Deshalb haben wir auch keine Heizung - die Abwärme der Kühlung reicht völlig.“

Oldenburg darf man auch wohl als Brutstätte der „Kältespeicher“-Idee bezeichnen. Unter Leitung des dortigen Regionalversorgers EWE lief zwischen 2008 und 2012 das „eTelligence“-Projekt einer virtuellen Modellregion, die Stromerzeuger mit flexiblen Verbrauchern zusammenführte. Eingebunden waren zwei Kühlhäuser an der Küste, die bei Windstrom-Überschuss den tiefgefrorenen Fisch statt mit minus 18 dann eben mit minus 24 Grad lagerten. In Flautezeiten konnte die Kälteerzeugung wieder ausgesetzt werden. Auf diese Weise sparten die Kühlhäuser bis zu acht Prozent ihrer Stromkosten. Und den Fisch hat’s - wie man so hört - auch nicht gestört…

Tom Jost

0 Kommentare